
Regen und Wind werden geschickt, um sie von den Haken der Vordächer zu holen. Ein Grund mehr, mal wieder den Asia-Shop an der Ecke zu besuchen und beim Aufsammeln der Lampions zu helfen.



Deutsche Kundschaft verirrt sich nur selten in den Souterrainladen, der in einer ruhigen Seitenstrasse, abseits der Langen Reihe liegt. Angesichts der stark vergilbten Exemplare von Kung-Fu-Ratgebern, Mao-Biographien und medizinischen Anleitungsbüchern und der seit ewigen Zeiten nicht geputzen Schaufenster, könnte man meinen, der Laden sei gar nicht geöffnet. Doch das schmuddelige Äußere täuscht nur ein beschauliches Dasein vor. Eigentlich brummt der Laden. Denn mit dem Zuzug von chinesischen Geschäftsleuten, Angestellten und deren Familien nach Hamburg, ist die Nachfrage nach chinesischer Literatur, und Büchern in chinesischer Übersetzung, stark gestiegen. Tiandi unterhält ein weltweites Netzwerk zu den Städten, in denen Exilchinesen seit Generationen heimisch geworden sind und chinesische Verlage und Buchhandlung gegründet haben. San Fransisco, London und Singapur sind nur einige Beispiele für die chinesische Buchproduktion außerhalb des Mutterlandes. Aus China selbst werden ebenfalls Bücher für die lesefreudige Kundschaft in Hamburg importiert. Die Umsätze jedenfalls scheinen für Tiandi zu steigen. Es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis Tiandi gleich neben Thalia zu finden ist.

Und dass dies durchaus der Fall sein kann, lassen bereits die verlockenden Auslagen in der circa vier Meter langen Schaufensterfront vermuten. Mit der Auswahl an Schüsseln, Tellern, Saucentöpfchen, Reiskochern und -dämpfern, Pflaumenschnaps-Glässchen und kompletten Eß-Services mit diversen Mustern lassen sich ganze China-Restaurants ausstatten. Außerdem gibt es Nippes, Kitsch und Buddha-Figuren in allen Variationen. Also, nichts wie hinein und stöbern. Drinnen ist es meistens voll, an Samstagvormittagen immer. Ganz Hamburg versammelt sich dann hier zum Einkaufen: Vietnamesen, Thais, Afrikaner, Indonesier, Chinesen, Koreaner – Bayerisch war auch schon zu hören. Vinh Loi bietet eine riesige Auswahl an asiatischen Produkten. Von Süssigkeiten, Getränken, Tees, Suppen, Reissäcken, Gewürzen, Saucen, über tiefgefrorenen Fisch, Fleisch, Tiefkühlkost, frisches Obst und Gemüse und vieles, vieles mehr. Besonders imposant sind die Gefriertruhen, in denen der Fisch auf seine Kundschaft wartet – wohlgemerkt ganzer Fisch, kein filettierter, gebraten oder irgendwie behandelter Fisch. Er scheint gleich aus dem Meer oder Gewässer in diese Truhe gehüpft zu sein, nur noch schnell eine Einschweißfolie drum, mit Fangort, Datum und Name. Wer bisher nur Kabeljau, Lachs und Aal kennt und sein sonstiges Wissen über Fische aus dem Zoo-Aquarium bezieht, dem sei dieser Anschauungsunterricht wärmstens empfohlen. Es gibt nichts, was es nicht gibt.
Herrlich ist es, mitzuerleben, wie ein chinesisches Ehepaar sich über den Kauf eines Flosseninhabers den Kopf zerbricht, nach einem schöneren Objekt sucht, den Fisch hin und her dreht, wieder weglegt, um dann doch wieder zur erstgegriffenen Packung zurückzukehren. Die vielen verschiedenen Menschen bei ihren Käufen zu beobachten ist ein Teil des Vinh Loi-Vergnügens.
Wer seinem Hausgeist etwas Gutes tun möchte, der kann in der Non-Food-Abteilung zwischen zwei praktischen Geisterälteren wählen; die moderne Variante ist mit bunten Lämpchen ausgestattet. Bis vor einiger Zeit gab es auch eine eingeschränkte Auswahl an chinesischen Popmusik-CDs, bei der man so manche musikalische Entdeckung in Sachen Rock und Hip-Hop machen konnte, die westliche Star blass aussehen lassen.
Aber vor Überraschungen ist man nie sicher, mag der Laden auch noch so formstreng geordnet sein. Wie üblich, ging ich auch in diesen Laden, erzählte von meinem Vorhaben, ein Buch über Hamburgs „Orient“ zu machen und wollte dabei gleichzeitig um Fotoerlaubnis fragen. Der Ladenbesitzer hatte bisher nur genickt, gelächelt, genickt, gelächelt – aber kein Wort gesagt. Als ich dann meine Fotomappe herauszog, um ihm andere Bilder von Asia-Shops in der Hansestadt zu zeigen, muß er mich wohl für eine Anzeigenvertreterin gehalten haben. „No photo! No photo! No advertising!“, bellte es mir plötzlich entgegen. Er begann wild mit den Händen zu fuchteln, als wollte er mich aus seinem Laden haben. Ich konnte ihn jedoch beruhigen und durfte bleiben. Also, alles noch mal auf Englisch. Und siehe da, es klappte. „Wann kommt Foto in Buch?“, fragte er zum Abschluß – auf Deutsch. Diese Antwort habe ich mir eine Flasche Pflaumenschnaps kosten lassen.
Durch die großen Schaufenster lässt sich das gesamte Angebot des Ladens überblicken. Zur Auswahl stehen mindestens zehn verschiedene Reiskocher-Modelle, für den Single-Haushalt wie für die Großfamilie, Messer aller Art, Papierlampions, Gebrauchsporzellan, Kochbücher, Siebe und Nippes aller Art. Die für einen Asia-Shop obligaten Ramen-Nudel-Päckchen gibt es natürlich auch. Sehr zur Freude der flippigen Kunden, die hier ihre kulinarischen Wochenend-Einkäufe tätigen. „Selbst“ chinesisch kochen ist schließlich mega in und soll außerdem ja gesund sein. Da fängt man gerne mit einem Instant-Pack an. Wer ein Faible für kuriose Tischutensilien hat, dem sei das Zahnstocher-Pickhuhn ans Herz gelegt. Man drückt es nett, und artig gibt es einen Stocher frei. Wai kou hao!

Stolz wehen gleich mehrere thailändische Flaggen auf dem Dach und Kinder, in der Tracht einer der Bergstämme Thailands, begrüßen die Kunden mit einem Wei von zwei großen Plakaten, die rechts und links neben dem Eingang hängen. Ein sagenhafter Eyecatcher, an dem kein Foto-Fan vorbei gehen kann. Das gesamte Erscheinungsbild des Ladens zieht neugierige Passanten geradezu magisch an, die sich über den vielleicht auffälligsten Paradiesvogel unter den Lebensmittelmärkten wundern. Links von ihm steht die St. Johanniskirche, rechts verläuft die vielbefahrene Lange Reihe, gegenüber befindet sich eine Filiale der Hamburger Sparkasse – deutlicher kann ein Kontrast kaum ausfallen. Einige Meter weiter stößt man auf den vielleicht ältesten indischen Supermarkt Hamburgs, Mathabi, eine Institution in Sachen Curries und Gewürze.
Ihm folgen ein Laden für Modellbau, eine Schneiderei und, etwas weiter die Straße hinunter, die Filiale einer Bäckerei. Immer wieder bin ich auf diese scheinbar unvereinbaren Gegensätze zwischen angestammten und hinzugekommenen Ethno-Läden gestoßen. Mit ihren fremdklingenden Namen, den bunten Schaufenstern, die zuweilen ein chaotisches Sammelsurium aus unbekannten Produkten, Haushaltswaren, Lebensmitteln und Bekleidung darbieten, den ausländischen Reklameschildern und ihren ungewohnten Schriftzeichen, ziehen die multiethnischen Läden den Betrachter sofort in ihren Bann. Wohltuend erlebt man sie als Farbtupfer in einer ansonsten tristen Warenwelt aus uniformen Filialgeschäften. Ihre Andersartigkeit ist ein wahres Aha-Erlebnis. Zwischen dem immergleichen Einerlei aus Markenlogos, Labeln und redundanten Warensortimenten, lugen die Ethno-Shops als anregende Einsprengsel deutlich hervor. Streift man längere Zeit durch die Hansestadt, entdeckt man immer mehr dieser dynamischen Vielfalt. Sie sind so verschieden in ihrer Größe, ihrer Gestaltung und in ihrem Angebot, wie die Kultur, die sie präsentieren. Die Geschäfte reichen von kleinen „Tante Emma“ -Läden, die nur das Nötigste für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln anbieten, bis hin zu mehreren zig Quadratmeter großen Supermärkten mit Tiefkühltruhen, frischem Obst, Gemüse, Fleisch und Kaufhäusern mit modischer Bekleidung, Haushaltswaren und Unterhaltungselektronik. Ganz gleich ob chinesische, thailändische, indische, persische, afrikanische, indonesische, vietnamesische oder afghanische Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs benötigt werden - es ist alles zu bekommen.
Inzwischen kaufen nicht nur Einwanderer in den Shops ein. Zunehmend finden auch „Natives“ Gefallen an den größtenteils (noch) unbekannten Waren. Durch diese vermehrte Akzeptanz, wird es einigen Ethno-Shops sicherlich gelingen, zukünftig den Status der Nischenökonomie hinter sich zu lassen und Teil der multiethnische Infrastruktur zu werden, die sich mehr und mehr in Hamburg etabliert. Und wer genau hinsieht, dem wird außer einem interessanten Sightseeing und Shopping-Vergnügen, auch ein kleiner Einblick in den Alltag der Einwanderer-Communities gewährt. So lässt sich zum Beispiel anhand der Anzahl der Läden ablesen, wie groß die jeweilige Immigrantengruppe ist und vielleicht auch, welche wirtschaftliche che Kraft von ihr ausgeht. Zudem kann man etwas über die Popkultur erfahren. Wer ist gerade der angesagteste Filmstar in Indien, welche Musik ist in den thailändischen Charts und welches ist der letzte Schrei der arabischen Mode.
Es ist erfreulich, dass immer mehr Hamburger das Angebot der Ethno-Läden zu schätzen wissen. Die Menschen kommen miteinander in Kontakt, erhalten dabei vielleicht sogar Informationen über Alltägliches aus erster Hand. Beide Seiten begegnen sich auf Augenhöhe, fernab der gutgemeinten „Völkerverständigungsfeste“ und Multi-Kulti-Veranstaltungen. Interkulturelle Begegnungen finden auf unkomplizierte Art statt, in der vertrauten Situation von Kunde und Verkäufer. Es ist daher keineswegs vermessen, wenn den multiethnischen Läden eine gesellschaftliche und kulturelle Vermittlerrolle zugewiesen wird, die bislang allerdings noch keine Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden hat. Tatsache ist auch, dass diese Nischenökonomie einen maßgeblichen Anteil daran hat, dass sich das Bild der Einwanderer-Communities wandelt, weg vom Image der Fremden, die lediglich temporär geduldet sind, hin zu einem selbstbewussten Teil der gesamten Gesellschaft. Mitverantwortlich dafür sind hochmotivierte Händler, Unternehmer und Geschäftsleute, die sich ihren Platz in der „Hamburger Kaufmannschaft“ nicht mehr streitig machen lassen. Darum ist es endlich an der Zeit ihre bunten, extravaganten, außergewöhnlichen und einfallsreichen Läden zu präsentieren.