Wer nach einem originellen Outfit für den diesjährigen Sommer Ausschau hält, der sollte nach Altona, in einen der zahlreichen Afro-Shops, gehen. Die buntbedruckten Stoffe, luftigen Hemden und Kleider die es dort gibt, sind der Eyecatcher par excellence, den keine langweilige Mainstream- und Mass Market-Boutique in der Innenstadt bieten kann. Und entgegen der blutleeren Absichtserklärungen der G8-Oberen, sie würden in Zukunft auch die afrikanische Wirtschaft am globalen Markt teilhaben lassen, kann jeder im Afro-Shop direkt und ganz praktisch die akrikanische Ökonomie ankurbeln, denn die Stoffe und Klamotten kommen alle aus Afrika. So kann jeder, ganz unkompliziert, dazu beitragen, dass die Textilwirtschaft in Westafrika sich weiterentwickelt und an internationalem Terrain gewinnt.
Der Schneiderberuf ist in Ghana, Senegal und Nigeria ein ehrbares Gewerbe, das vor Kreativität nur so strotzt. Der Einfallsreichtum der bezahlbaren Couturiers ist grenzenlos, was die modebewußten Frauen sehr zu schätzen wissen. Sie bringen ihren Stoff zu einem der vielen Schneider und besprechen mit ihm, welches Modell am geeignetsten ist und wie Farbe und Motivdruck am besten zur Geltung kommen. Jedes Kleid wird individuell gefertigt und ist ganz auf die Person im wahrsten Sinne des Wortes zugeschnitten. Eine aufwendige Angelegenheit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.
Denn Stoffkauf ist eine Wissenschaft für sich. Aus dem bedruckten Tuch wird nicht einfach ein Kleidungsstück hergestellt, sondern ein Symbol, das den sozialen Status die Trägerin repräsentiert. So trägt zum Beispiel eine Frau nach ihrer Heirat andere Schnitte und Motive als sie zuvor getragen hat. Wenn sie Mutter geworden ist, ändert sich ihre Garderobe erneut. Die wunderschöne Kombination trois piecès, deren engtaillierter Rock an einen Fischschwanz erinnert und auch auf Hamburger Strassen oft zu sehen ist, wird von jungen, verheirateten Frauen getragen. Kräftige Farben und riesige Muster unterstreichen das selbstbewußte Auftreten der aparten Damen, die jedes westliche Modell vergessen lassen.







Ihm folgen ein Laden für Modellbau, eine Schneiderei und, etwas weiter die Straße hinunter, die Filiale einer Bäckerei. Immer wieder bin ich auf diese scheinbar unvereinbaren Gegensätze zwischen angestammten und hinzugekommenen Ethno-Läden gestoßen. Mit ihren fremdklingenden Namen, den bunten Schaufenstern, die zuweilen ein chaotisches Sammelsurium aus unbekannten Produkten, Haushaltswaren, Lebensmitteln und Bekleidung darbieten, den ausländischen Reklameschildern und ihren ungewohnten Schriftzeichen, ziehen die multiethnischen Läden den Betrachter sofort in ihren Bann. Wohltuend erlebt man sie als Farbtupfer in einer ansonsten tristen Warenwelt aus uniformen Filialgeschäften. Ihre Andersartigkeit ist ein wahres Aha-Erlebnis. Zwischen dem immergleichen Einerlei aus Markenlogos, Labeln und redundanten Warensortimenten, lugen die Ethno-Shops als anregende Einsprengsel deutlich hervor. Streift man längere Zeit durch die Hansestadt, entdeckt man immer mehr dieser dynamischen Vielfalt. Sie sind so verschieden in ihrer Größe, ihrer Gestaltung und in ihrem Angebot, wie die Kultur, die sie präsentieren. Die Geschäfte reichen von kleinen „Tante Emma“ -Läden, die nur das Nötigste für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln anbieten, bis hin zu mehreren zig Quadratmeter großen Supermärkten mit Tiefkühltruhen, frischem Obst, Gemüse, Fleisch und Kaufhäusern mit modischer Bekleidung, Haushaltswaren und Unterhaltungselektronik. Ganz gleich ob chinesische, thailändische, indische, persische, afrikanische, indonesische, vietnamesische oder afghanische Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs benötigt werden - es ist alles zu bekommen.
Inzwischen kaufen nicht nur Einwanderer in den Shops ein. Zunehmend finden auch „Natives“ Gefallen an den größtenteils (noch) unbekannten Waren. Durch diese vermehrte Akzeptanz, wird es einigen Ethno-Shops sicherlich gelingen, zukünftig den Status der Nischenökonomie hinter sich zu lassen und Teil der multiethnische Infrastruktur zu werden, die sich mehr und mehr in Hamburg etabliert. Und wer genau hinsieht, dem wird außer einem interessanten Sightseeing und Shopping-Vergnügen, auch ein kleiner Einblick in den Alltag der Einwanderer-Communities gewährt. So lässt sich zum Beispiel anhand der Anzahl der Läden ablesen, wie groß die jeweilige Immigrantengruppe ist und vielleicht auch, welche wirtschaftliche che Kraft von ihr ausgeht. Zudem kann man etwas über die Popkultur erfahren. Wer ist gerade der angesagteste Filmstar in Indien, welche Musik ist in den thailändischen Charts und welches ist der letzte Schrei der arabischen Mode.
Es ist erfreulich, dass immer mehr Hamburger das Angebot der Ethno-Läden zu schätzen wissen. Die Menschen kommen miteinander in Kontakt, erhalten dabei vielleicht sogar Informationen über Alltägliches aus erster Hand. Beide Seiten begegnen sich auf Augenhöhe, fernab der gutgemeinten „Völkerverständigungsfeste“ und Multi-Kulti-Veranstaltungen. Interkulturelle Begegnungen finden auf unkomplizierte Art statt, in der vertrauten Situation von Kunde und Verkäufer. Es ist daher keineswegs vermessen, wenn den multiethnischen Läden eine gesellschaftliche und kulturelle Vermittlerrolle zugewiesen wird, die bislang allerdings noch keine Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden hat. Tatsache ist auch, dass diese Nischenökonomie einen maßgeblichen Anteil daran hat, dass sich das Bild der Einwanderer-Communities wandelt, weg vom Image der Fremden, die lediglich temporär geduldet sind, hin zu einem selbstbewussten Teil der gesamten Gesellschaft. Mitverantwortlich dafür sind hochmotivierte Händler, Unternehmer und Geschäftsleute, die sich ihren Platz in der „Hamburger Kaufmannschaft“ nicht mehr streitig machen lassen. Darum ist es endlich an der Zeit ihre bunten, extravaganten, außergewöhnlichen und einfallsreichen Läden zu präsentieren.
